abgeschlossen 12/2025
Im Kontext einer stärkeren Fokussierung auf die psychische Gesundheit in der Arbeitswelt kommt psychischen Beanspruchungen aufgrund von plötzlich auftretenden Notfallsituationen (Unfälle, Notfälle oder unerwartete Extremsituationen) im Arbeitskontext als Thema des Arbeitsschutzes zunehmend Aufmerksamkeit zu. Um die psychische Stabilität der Betroffenen zu fördern, empfiehlt die DGUV die Implementierung einer psychosozialen Notfallversorgung in Unternehmen (PSNV-B) (vgl. DGUV 306-001, 206-017, 206-018, 206-023).
Auf Grundlage der wissenschaftlichen Literatur und des aktuellen Erkenntnisstands kann jedoch nicht dargestellt werden, welche Modelle und Vorgehensweisen Betriebe aktuell wählen, um eine psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) ihrer Beschäftigten zu ermöglichen. Darauf aufbauend gibt es wenig Evidenz, welche betrieblichen Parameter eine gute psychosoziale Betreuung von Beschäftigten nach Notfallsituationen im Arbeitskontext ausmachen.
Beide Fragen sollten wissenschaftlich eruiert werden, damit Unfallversicherungsträger (UVT) Unternehmen unterstützen können, ihren Beschäftigten eine gute Betreuung nach plötzlich auftretenden Notfallsituationen zu ermöglichen. Im Forschungsprojekt sollten betriebliche Umsetzungen der psychosozialen Betreuung nach plötzlich auftretenden Notfallsituationen im Arbeitskontext erfasst und beschrieben werden. Zudem sollten betriebliche Faktoren und Maßnahmen, die diese positiv oder negativ beeinflussen, erfasst werden. Damit sollten für die Präventionsarbeit der UVT belastbare Ergebnisse vorgelegt werden, die zum Einen eine Argumentation für die Sensibilisierung von Unternehmen unterstützen als auch dafür genutzt werden können, Unternehmen bei der Einführung einer psychosozialen Betreuung und bei plötzlichen Notfällen am Arbeitsplatz zu unterstützen.
Weiterhin sollten mit den Ergebnissen zu hemmenden und förderlichen Faktoren Informationen dazu bereitgestellt werden, welche unterschiedlichen Modelle von den Betrieben als zielführend erlebt werden, auch in Abhängigkeit von Betriebsgröße und Branche.
Im Forschungsprojekt erfolgte eine Bestandsaufnahme, wie die PSNV-B in Deutschland gestaltet ist. Dafür wurde ein multiperspektivisches Vorgehen gewählt, das in neun durchgeführten Studien verschiedene beteiligte Zielgruppen fokussierte.
Zielgruppe 1: Betriebe
Wie gestaltet sich die psychosoziale Betreuung von Beschäftigten in deutschen Betrieben nach Notfällen? Welche internen und externen betrieblichen Faktoren beeinflussen diese Betreuung positiv oder negativ? Dazu erfolgte eine Befragung von 2 388 Betrieben und von 207 betroffenen Beschäftigten.
Zielgruppe 2: Unfallversicherungsträger
Welche aktuellen Unterstützungsangebote bieten UVT im Bereich der PSNV für Mitgliedsbetriebe und welche zukünftigen Pläne und Konzepte bestehen, um Betriebe bei der Betreuung nach plötzlich auftretenden Extremsituationen besser zu unterstützen? Es erfolgte eine Vollerhebung mit Dokumentenanalyse und Interviews.
Zielgruppe 3: Ehrenamtliche PSNV-B-Teams
Wie häufig kommen ehrenamtliche PSNV-B-Teams bei betrieblichen Notfällen zum Einsatz, wie erleben die Einsatzkräfte diese Einsätze im betrieblichen Kontext, und wie könnten Betriebe bei der PSNV besser unterstützt werden? Es wurden eine Einsatzquotenerhebung, Sekundärdatenanalyse (Einsatzkräfte- und Betroffenenbefragung mit drei Messzeitpunkten) und eine Intensivstudie zu Einsätzen im Betrieb durchgeführt.
Zielgruppe 4: Externe Anbietende
Wie unterstützen externe Anbietende Betriebe in Deutschland bei der psychosozialen Betreuung von Beschäftigten nach plötzlich auftretenden Extremsituationen? Welche internen und externen Faktoren fördern oder hemmen diese Unterstützung? Dazu erfolgte eine Recherche von Anbietenden sowie Onlineinterviews mit 40 externen Anbietenden.
Zielgruppe 1: Betriebe
Es gibt zahlreiche Notfälle, bei den PSNV-Maßnahmen bestehen jedoch Ausbaupotenziale, insbesondere bei organisatorischen und personenbezogenen Maßnahmen sowie beim Dokumentations- und Meldeverhalten. Die PSNV ist in vielen Unternehmen noch unzureichend, insbesondere bei präventiven Maßnahmen, Dokumentation psychischer Gefährdungen und der Akutbetreuung. Es besteht ein klarer Bedarf an Schulungen, klaren Zuständigkeiten und der Integration betrieblicher psychologischer Erstbetreuender. Die UVT können Betriebe durch verstärkte Informationsmaterialien, Schulungen und externe Dienstleistungen unterstützen und das Bewusstsein für PSNV erhöhen. Zudem können sie die Erfassung psychischer Gesundheitsgefährdungen und die Nutzung von externen Anbietenden optimieren.
Zielgruppe 2: Unfallversicherungsträger
UVT bieten umfangreiche Unterstützung an, um die PSNV-B zu verbessern. Verbessert werden kann laut den interviewten UVT die Einheitlichkeit der Ausbildung zu betrieblich psychologischen Erstbetreuenden und die statistische Erfassung betroffener Personen. Die UVT bieten bereits zahlreiche Unterstützungen, z. B. Informationsmaterialien und Akuthilfe für Betriebe an. Die Förderung der Ausbildung betrieblicher Erstbetreuender ist ein wichtiger Beitrag, jedoch gibt es Herausforderungen wie Rollenkonflikte und unterschiedliche Ausbildungsmodelle. Die UVT planen, die PSNV mit zusätzlichen Schulungen, flexiblen Weiterbildungsangeboten (z. B. Onlinemodule) und Plattformen für den Austausch von Erstbetreuenden weiter zu stärken. Zudem geben sie an, dass die statistische Erfassung Betroffener verbessert werden sollte.
Zielgruppe 3: Ehrenamtliche PSNV-B-Teams
Im Mittel haben 15 % der Einsätze von ehrenamtlichen PSNV-B-Teams einen betrieblichen Anlass. Betreute Personen im Betriebskontext zeigen anfangs weniger starke Emotionen, jedoch entwickeln bis zu 50 % sechs Monate später klinisch relevante Symptome. Für die PSNV-B-Einsatzkräfte sind betriebliche Einsätze komplexer als häusliche und erfordern mehr Personal sowie spezialisierte Schulungen. Ehrenamtliche PSNV-B-Teams sind oft bei Notfällen in Betrieben im Einsatz. Die Einsätze sind besonders komplex und erfordern mehr Ressourcen. Es wird empfohlen, dass Unternehmen vertragliche Regelungen mit den ehrenamtlichen Teams treffen, um Missbrauch ehrenamtlicher Strukturen zu vermeiden. Die UVT können weiterführende Betreuungsangebote verstärken, da bis zu 50 % der Betroffenen sechs Monate nach dem Ereignis klinische Symptome zeigen. Spezifische Schulungen und bessere weiterführende Betreuung können helfen, die langfristigen Folgen für Betroffene zu minimieren.
Zielgruppe 4: Externe Anbietende
Externe Anbietende unterscheiden sich in Größe und Betriebsform sowie in der Breite ihrer Angebote. Bezüglich der Qualifizierung und Weiterbildung der Anbietenden sowie der Standards, auf denen Angebote basieren, fehlen einheitliche Qualitätskriterien. Die Zusammenarbeit zwischen UVT, Betrieben und externen Dienstleistern sollte gefördert werden, um die PSNV in Unternehmen zu verbessern. Es gibt Optimierungspotenzial bei Standards, strukturellen Problemen und der Vernetzung der externen Anbietenden. Die UVT sollten die organisatorischen Mängel, unklare Finanzierungen und fehlende Wertschätzung in den Betrieben angehen, um die Effizienz und Qualität der externen PSNV-Angebote zu steigern.
Fazit und Ausblick auf weitere Forschung
Die durchgeführte Bestandsaufnahme hat gezeigt, dass die PSNV-B in Deutschland bereits in unterschiedlichen Formen vorhanden ist, insgesamt jedoch noch deutliche Entwicklungsbedarfe bestehen. Über alle untersuchten Zielgruppen hinweg wird sichtbar, dass es zwar zahlreiche Ansätze, Unterstützungsangebote und engagierte Akteure gibt, die Versorgung betroffener Beschäftigter nach Notfällen und plötzlich auftretenden Extremsituationen jedoch bislang nicht flächendeckend, einheitlich und systematisch genug ausgestaltet ist. Insbesondere bei präventiven Strukturen, klaren Zuständigkeiten, standardisierten Abläufen, Dokumentation, Qualitätssicherung sowie der Vernetzung zwischen internen und externen Unterstützungsakteuren zeigen sich erhebliche Ausbaupotenziale.
Die Ergebnisse machen zugleich deutlich, dass eine bessere Versorgung betroffener Beschäftigter nicht an einem einzelnen Akteur festgemacht werden kann. Vielmehr handelt es sich um eine gemeinsame Aufgabe von Betrieben, UVT, ehrenamtlichen PSNV-B-Teams und externen Anbietenden. Gerade im Zusammenspiel dieser Akteursgruppen liegen wichtige Chancen für eine bedarfsgerechtere, verlässlichere und qualitativ hochwertigere psychosoziale Unterstützung.
Dafür braucht es neben einer stärkeren Sensibilisierung in den Betrieben insbesondere besser abgestimmte Unterstützungsstrukturen, einheitlichere Qualifizierungsstandards, tragfähige Kooperationsmodelle und eine systematischere Erfassung von Bedarfen und Verläufen.
Zugleich verdeutlichen die Ergebnisse, dass die Folgen betrieblicher Notfälle nicht auf die unmittelbare Akutphase beschränkt bleiben. Dass ein relevanter Anteil der Betroffenen noch Monate nach dem Ereignis klinisch bedeutsame Symptome zeigt, unterstreicht die Notwendigkeit, die PSNV nicht nur als kurzfristige Krisenintervention, sondern als abgestuften Unterstützungsprozess zu verstehen. Dieser sollte von präventiven Vorbereitungen über die Akutbetreuung bis hin zu einer bedarfsgerechten weiterführenden Unterstützung reichen. Hieraus ergibt sich ein klarer Handlungsauftrag, die bestehenden Strukturen so weiterzuentwickeln, dass betroffene Beschäftigte frühzeitig, zielgerichtet und nachhaltig erreicht werden.
Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass in der PSNV-B bereits wichtige Grundlagen vorhanden sind, zugleich aber erhebliche Entwicklungspotenziale bestehen. Diese Potenziale systematisch zu nutzen, ist eine zentrale Voraussetzung dafür, die Versorgung betroffener Beschäftigter künftig wirksamer, verlässlicher und nachhaltiger zu gestalten.
-branchenübergreifend-
Gefährdungsart(en):Psychische Fehlbelastungen, Qualifizierung/Aus- und Weiterbildung
Schlagworte:Prävention, Arbeitsunfall, Psychische Beanspruchung/Belastung
Weitere Schlagworte zum Projekt:Notfallversorgung, Psychosoziale Versorgung, Unfälle, Extremsituationen